Türkheim

Streit um Wasserkraftwerk

  • 29.05.2019, 17:30 Uhr, 3 Minuten

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Die Bayerischen Landeskraftwerke sprechen von einem ökologischen Vorzeigeprojekt. Für fünf Millionen Euro wollen sie an der Wertach bei Türkheim ein Wasserkraftwerk bauen. Bei Naturschützer und den Grünen regt sich allerdings Widerstand.

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Walterwehr: Planer treffen auf Kritiker Artikel der Mindelheimer Zeitung vom 1. Juni 2019 von Karin Donat
Die Pläne für ein Kraftwerk an der Wertach bei Türkheim stoßen bei einem Diskussionsabend auf wenig Gegenliebe. Der Freistaat will den Bau, die Bürger nicht. Wie es nun weitergeht

Sachlich in der Diskussion aber unnachgiebig in der Sache – so lautet das Fazit des Informationsabends der Bayerischen Landeskraftwerke GmbH (LaKW) in Türkheim.

Waren Thomas Liepold, Geschäftsführer der LaKW und Projektleiter Jochen Zehender zu Beginn der Veranstaltung noch positiv überrascht vom großen Interesse der Türkheimer – etwa 200 Zuhörer waren gekommen – so wich diese Euphorie schnell der Ernüchterung. „Ich fühle mich hier schon als Zerstörer an den Pranger gestellt“, beklagte sich Liepold mehrmals im Laufe des Abends. In einer umfangreichen Präsentation stellten Liepold und Zehender das geplante Kraftwerk am Walterwehr vor.

Wie die Mindelheimer Zeitung bereits mehrfach berichtete, soll neben dem bestehenden Wehr ein neues Kraftwerk mit einer Leistung von etwa 3,2 Millionen kWh entstehen, ausreichend für etwa 1000 Haushalte. Die volle Leistung werde an 60 Tagen pro Jahr erreicht, an 180 Tagen werde lediglich eine Teillast bereitgestellt und an 120 Tagen käme es zum Stillstand infolge Wassermangels.

Rudolf Mendle von den Wertachfreunden fragte, ob es denn die Stromgewinnung unbedingt brauche und ob man nicht im Gegenteil versuchen solle, den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Auch stelle sich die Frage, welchen Sinn ein Kraftwerk mache, das an 120 Tagen keinen Strom produziere. Dem hielt Liepold entgegen, dass es ja nicht so sei, dass die 1000 Haushalte an 120 Tagen ohne Strom seien, die tatsächliche Verteilung sehe anders aus. Er machte aber auch deutlich, dass es der Wunsch des Freistaates sei, an dieser Stelle ein Kraftwerk zu bauen. „Langfristig wollen wir doch alle weg von Atomenergie und fossilen Brennstoffen. Da bleiben doch nur Wind, Wasser und Sonne.“ Natürlich sei jede Form der Energiegewinnung mit Nachteilen verbunden. „Doch hier können wir diese so gering wie möglich halten.“

Einige der Anwesenden, darunter der Kreisobmann des Fischereiverbandes Schwaben, Manfred Putz, und Alexander Siebierski vom Bund Naturschutz gingen sogar soweit, einen Rückbau des bestehenden Wehres zu fordern.

Massive Kritik gab es auch von den anwesenden Vertretern der Fischereiverbände. Anton Heiler bezeichnete das neue Kraftwerk als „Katastrophe“ für die Fische, die damit ihren letzten Unterstand verlieren würden. Die derzeit vorhandenen Kiesbänke würden vom Wasser durchströmt und seien Laichplätze unter anderem auch für die Barbe, ein Fisch, der auf der roten Liste der bedrohten Arten stehe. Durch die Entnahme des Wassers für das geplante Kraftwerk würden diese Gumpen mehr oder weniger austrocknen, der fehlende Durchfluss sorge außerdem für eine ansteigende Wassertemperatur, welche tödlich für die Fische sei. Stefan Gaschler, Vorsitzender des Fischereivereins Türkheim, konfrontierte die Zuhörer mit einem Foto geschredderter Fische, die es nicht rechtzeitig aus einer Turbine geschafft hätten. „Bei Stillstand der Turbine ziehen die Fische in das tiefe Wasser dort, wenn sie wieder anläuft, schaffen es die Tiere nicht mehr rechtzeitig davon zu schwimmen.“ Zehender erklärte dazu, dass eines der Ziele des Projekts sei, die Schäden durch das Kraftwerk an abwärts wandernden Fischen möglichst gering zu halten. Ein Feinrechen verhindere den Zugang von großen und mittelgroßen Fischen in die Turbine, außerdem bestehe die Möglichkeit, vor dem Anlaufen der Turbinen einen Spülvorgang durchzuführen, der die Fische aus dem Wasser vor der Turbine spüle. Weiter habe man eine Abstiegsmöglichkeit für Fische vom Rechen zum Unterwasser und eine fischfreundliche Aufstiegsmöglichkeit durch innovative Technik, beispielsweise einen Fischlift oder eine Fischschleuse vorgesehen.

„Wir kämpfen doch nicht gegeneinander“, so der Appell von Liepold an die Adresse der Kritiker, die an diesem Abend eindeutig in der
Überzahl waren. „Wir wollen doch gemeinsam mit Ihnen eine Planung entwerfen.“ Auch die von Liepold angekündigte ökologische Umgestaltung des Langweidbaches im Zuge des Kraftwerkbaus ließen die Zuhörer nicht gelten. Gudrun Kissinger-Schneider,
Markträtin der Grünen, begrüßte zwar die Maßnahme, machte aber gleichzeitig deutlich, dass auf Grund gesetzlicher Vorgaben das
Wasserwirtschaftsamt für diese Art der Umgestaltung zuständig sei, völlig unabhängig vom Bau des Kraftwerks. Großen Applaus erhielt sie für ihren emotionalen Appell an die Adresse der Planer:
„Diese Stelle an der Wertach ist die einzige, wo der Fluss noch unmittelbar erlebbar ist. Kommen Sie bitte zur Einsicht und stoppen sie die Planung, ersparen Sie uns das Prozedere der Einwände und einer möglichen Klage. Stoppen Sie das Projekt! Die nachfolgenden Generationen werden es Ihnen danken.“
Liepold betonte abschließend, dass es sich um ein Vorzeigeprojekt handle und es erklärtes Ziel der Planer sei, die Wertach wieder durchgängig zu machen. „Der vergewaltigte kanalisierte Fluss soll sich wieder entwickeln dürfen.“

Nach dreistündiger Diskussion waren alle Argumente ausgetauscht, eine Einigung war zu keinem Zeitpunkt zu spüren. Bürgermeister Christian Kähler betonte „den Mut“ der Referenten, sich dem breiten Feld der Kritiker zu stellen; er hoffe, dass die Planungen auf alle Kritikpunkte hin noch einmal überprüft würden. In den nächsten Schritten wird nun ein Planungsbüro die Pläne für die Eingabe beim Landratsamt vorbereiten. Dieses prüft dann den Antrag und legt die Pläne öffentlich aus. Dann besteht die Möglichkeit, Einwendungen gegen das Projekt geltend zu machen, die dann bei einem Erörterungstermin behandelt werden.


Regisseur Pascal Rösler im Gespräch mit den Wertachfreunden

Foto: Kai Erfurt



  • Bayerischer Gewässer- und Grundwasserschutz unzureichend. Die Naturschutzverbände legen 10-Punkte-Forderungskatalog für Maßnahmen in der Landwirtschaft für die Staatsregierung vor.
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Forderung der bayerischen Naturschutzverbände.
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